Im Sommer 1782 rief ein sterbender Glockengießer namens Lazarus Gitschner in Grödig einen Priester an sein Bett — und diktierte sechs Stunden lang keine Beichte, sondern einen Bericht: das Innere des Untersbergs, das er als junger Mann durch eine genau benannte Öffnung betreten haben will. Gänge. Säle. Ein Licht ohne Flamme und ohne Schatten. Vorratskammern, geordnet und ungestört. Und die Untersberger Mandln — ein Volk, das im Fels lebt, Vorräte anlegt und in Notjahren den Höfen hilft. Gitschner starb drei Tage später. Vierzig Jahre hatte er geschwiegen.
Das Manuskript verschwand in der kirchlichen Ablage — aber Abschriften kursierten heimlich, Generation um Generation. 1816 druckten die Brüder Grimm, ohne das Manuskript zu kennen, eine Untersberg-Sage mit demselben Gerüst: derselbe Berg, dieselben Türen, dieselben Bewohner. Über drei Jahrhunderte tauchen in Pfarr- und Gerichtsakten weitere Einträge auf, die alle auf dieselben Stellen im Fels zeigen.
Der Untersberg selbst ist keine Erfindung: über 400 dokumentierte Höhlen, darunter die Riesending-Schachthöhle — 1.148 Meter tief, die tiefste Deutschlands, bis heute nicht zu Ende erforscht. 1879 stieg der Naturforscher Eberhard Fugger hinauf, um den Aberglauben mit Zahlen zu widerlegen. Er fand einen Dom aus blankem Eis, 1.570 Meter über dem Tal — und maß zwanzig Winter lang, dass der Berg atmet: Luft, die im Winter hinein- und im Sommer herausströmt, aus Tiefen, die kein Kataster kennt.
