Mit einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der G7, G20, BRICS sowie aller weiteren Staaten erhöht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den politischen Druck. Gemeinsam mit Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva fordert sie die Regierungen auf, die letzten offenen Verhandlungen zum WHO-Pandemieabkommen rasch abzuschließen. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Pathogen Access and Benefit Sharing (PABS)-System – ein internationaler Mechanismus für den Austausch von Krankheitserregern mit Pandemiepotenzial, biologischen Proben und genetischen Sequenzdaten. Gleichzeitig warnt die WHO, dass innerhalb des kommenden Jahrzehnts mit einer weiteren Pandemie zu rechnen sei.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Vom 6. bis 17. Juli treffen sich Delegierte der WHO-Mitgliedstaaten in Genf, um genau diesen noch ausstehenden PABS-Anhang auszuhandeln. Erst wenn darüber Einigkeit erzielt wird, kann das WHO-Pandemieabkommen vollständig verabschiedet und anschließend von den Staaten ratifiziert werden.
Nach Darstellung der WHO soll das PABS-System sicherstellen, dass neue Krankheitserreger möglichst schnell weltweit mit Laboren und Forschungseinrichtungen geteilt werden können. Dadurch sollen Diagnostika, Impfstoffe und Medikamente schneller entwickelt werden. Gleichzeitig sollen Entwicklungsländer künftig einen gerechteren Zugang zu diesen Produkten erhalten – eine Lehre aus den Ungleichheiten während der COVID-19-Pandemie.
Doch genau an diesem Punkt beginnt die Kritik.
Denn mit dem geplanten System würde der internationale Austausch von Erregerproben und genetischen Sequenzdaten erheblich ausgeweitet. Kritiker fragen deshalb, ob dadurch nicht auch die Risiken steigen. Je mehr Labore weltweit Zugang zu Krankheitserregern oder deren genetischen Bauplänen erhalten, desto häufiger müssen diese Proben transportiert, verarbeitet, gespeichert und analysiert werden.
Damit stellen sich grundlegende Fragen der biologischen Sicherheit: Erhöht ein solches System möglicherweise das Risiko von Laborunfällen, versehentlichen Freisetzungen, Diebstahl biologischer Proben oder einer zweckentfremdeten Nutzung? Auch der Missbrauch synthetischer Sequenzdaten oder Cyberangriffe auf entsprechende Datenbanken werden in Fachkreisen seit Jahren diskutiert.
Hinzu kommt, dass die Herkunft der COVID-19-Pandemie bis heute nicht abschließend geklärt ist. Die Debatte über einen möglichen Laborunfall hat weltweit das Bewusstsein dafür geschärft, welche Folgen bereits ein einzelner Sicherheitsvorfall haben könnte. Vor diesem Hintergrund erscheint die Forderung nach einem noch intensiveren globalen Austausch potenziell gefährlicher Erreger für manche Beobachter widersprüchlich.
Die WHO argumentiert dagegen, dass nur ein schneller internationaler Informations- und Probenaustausch die Welt auf die nächste Pandemie vorbereiten könne. Ohne diesen Austausch könnten Impfstoffe, Tests und Medikamente nicht rechtzeitig entwickelt werden.
Gleichzeitig bleibt eine entscheidende Frage offen: Wer kontrolliert künftig den Zugang zu den Proben, den genetischen Daten und den daraus entstehenden Produkten? Das PABS-System soll genau diese Regeln festlegen. Kritiker befürchten jedoch, dass dadurch eine globale Infrastruktur entsteht, deren Auswirkungen weit über die Pandemievorsorge hinausreichen könnten.
Fest steht: Mit dem offenen Brief macht die WHO deutlich, dass sie das Pandemieabkommen nun möglichst rasch zum Abschluss bringen will. Ob die Mitgliedstaaten dem folgen, wird sich in den Verhandlungen in Genf entscheiden. Klar ist aber auch: Die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um Gesundheitspolitik, sondern ebenso um Biosicherheit, staatliche Souveränität und die Frage, wie weit internationale Strukturen künftig in den Umgang mit biologischen Risiken eingebunden werden sollen.
