Dass Chemotherapie und Bestrahlung in seltenen Fällen selbst neue Krebserkrankungen auslösen können, ist kein Geheimnis der Alternativmedizin, sondern ein seit Langem bekanntes medizinisches Phänomen. Fachgesellschaften wie die American Cancer Society sprechen von sogenannten therapiebedingten Zweitkrebserkrankungen. Dennoch wird dieses Risiko nach Ansicht des kanadischen Nephrologen und Autors Dr. Jason Fung gegenüber Patienten oft nicht offen genug thematisert.
In einem aktuellen Interview erläutert Fung seine Sicht auf Krebs und dessen Behandlung. Seine zentrale These: Die Medikamente und Strahlen, mit denen Krebs bekämpft wird, können durch ihre zellschädigende Wirkung langfristig selbst Krebs begünstigen.
Krebs als Folge chronischer Zellschäden
Dr. Fung, der mit seinem Buch The Cancer Code bekannt wurde, vertritt die Auffassung, dass Krebs nicht ausschließlich genetische Ursachen hat. Seiner Ansicht nach entsteht Krebs vor allem als Reaktion auf langfristige Zellschäden, die gesunde Zellen in einen biologischen Überlebensmodus versetzen.
Aus dieser Sichtweise ergeben sich auch Konsequenzen für die Krebstherapie. Sowohl Chemotherapie als auch Strahlentherapie wirken, indem sie Zellen gezielt schädigen. Krebszellen reagieren darauf meist empfindlicher als gesundes Gewebe – dennoch bleibt die Behandlung nach Fungs Ansicht ein Eingriff, der auch gesunde Zellen belastet.
Die zweite Krebserkrankung Jahre nach der Therapie
Fung beschreibt ein Szenario, das in der Onkologie bekannt ist: Patienten überstehen ihre erste Krebserkrankung erfolgreich, entwickeln jedoch Jahre später eine völlig andere Krebsart.
Nach seinen Worten könne eine ausreichend intensive Chemotherapie oder Bestrahlung etwa zehn Jahre später selbst zur Ursache einer neuen Krebserkrankung werden. Grund sei derselbe Mechanismus, der auch bei anderen bekannten Karzinogenen wirke – nämlich die dauerhafte Schädigung von Zellen.
Der Vergleich mit Asbest
Zur Veranschaulichung verweist Fung auf Asbest.
Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Asbest durch chronische Zellschädigung Mesotheliome, eine aggressive Form von Brustfellkrebs, verursachen kann.
Nach Fungs Auffassung beruhen Chemotherapie und Bestrahlung auf demselben biologischen Prinzip: Beide verursachen Zellschäden. Der Unterschied bestehe darin, dass diese Schäden bewusst in Kauf genommen würden, weil der therapeutische Nutzen größer sein könne als das Risiko.
Gerade deshalb, so Fung, müsse Patienten auch offen vermittelt werden, dass diese Behandlungen selbst als krebserzeugend gelten können.
Das Immunsystem hält Krebs oft jahrelang in Schach
Im Interview beschreibt Fung Krebs außerdem als einen Prozess, der ständig im menschlichen Körper stattfindet.
Jeden Tag entstünden nach seiner Einschätzung Hunderte oder sogar Tausende potenzieller Krebszellen. Das Immunsystem erkenne und beseitige die meisten davon.
Als Beispiel nennt er einen Patienten, dessen Melanom erfolgreich entfernt wurde. Jahrzehnte später stirbt dieser bei einem Unfall, seine Lunge wird transplantiert – und der Empfänger entwickelt kurze Zeit später erneut ein Melanom. Für Fung ist dies ein Hinweis darauf, dass das Immunsystem Krebszellen über viele Jahre unter Kontrolle halten kann.
Daraus leitet er die Frage ab, welche Auswirkungen eine Therapie wie die Chemotherapie auf diese natürliche Immunüberwachung hat.
Ein bekanntes, aber selten diskutiertes Risiko
Fung weist darauf hin, dass die American Cancer Society therapiebedingte Zweitkrebserkrankungen ausdrücklich anerkennt. Dennoch würden Patienten dieses Risiko nach seiner Ansicht häufig nur am Rande oder in allgemeiner Form erklärt bekommen.
Seine Kritik richtet sich dabei nicht grundsätzlich gegen Chemotherapie oder Bestrahlung. Vielmehr fordert er einen offeneren Umgang mit den Risiken.
Nach seiner Auffassung handelt es sich um wirksame medizinische Waffen gegen Krebs – allerdings um solche, deren Nebenwirkungen und langfristige Folgen vollständig und transparent kommuniziert werden müssten.
Eine andere Sicht auf Krebs
Im Mittelpunkt von Fungs Modell steht die These, dass Krebs weniger ein rein genetischer Defekt als vielmehr eine biologische Anpassungsreaktion geschädigter Zellen sei.
Chronische Belastungen wie Rauchen, Asbest, ionisierende Strahlung – aber auch Chemotherapie – könnten diesen Prozess seiner Ansicht nach in Gang setzen.
Aus dieser Sicht ergeben sich nicht nur neue Fragen zur Behandlung, sondern auch zur Prävention. Gleichzeitig stellt Fung die provokante Frage, ob alternative Sichtweisen auf Krebs im etablierten Gesundheitssystem ausreichend diskutiert werden – oder ob wirtschaftliche Interessen einer offenen Debatte teilweise im Weg stehen.
Quelle: https://unsplash.com/de/fotos/blauer-und-schwarzer-wasserspender-Mj6C32u_1XA
Wie Chemotherapie Krebs verursachen kann: Was Onkologen seit Jahrzehnten wissen
